Afrikaner im Boot
Text Änne Söll

Mit Blick in ein großes, dunkles Auge beginnt Jürgen Eisenachers Serie großformatiger Zeichnungen (ca. 150 x 190), die die Verbindung zwischen Kolonialismus und seiner Geschichte mit dem aktuellen Phänomen der Migration zum Thema haben. Das dunkle, fast das gesamte Bild füllende Auge, in dem sich wie ein Fingerzeig ein afrikanischer Affenbrotbaum spiegelt, ist der Auftakt einer Reise in die Vergangenheit der Kolonialherrschaft Afrikas, der Sklaverei und Unterdrückung. Eisenachers Strategie ist es dabei, bekannte und durch die Medien gängige Motive und Stereotypen zu verwerten, zu verfremden und damit uns “fremd werden” zu lassen. So erscheint das Zeichnungsfragment einer mit Sklaven gefüllten Galeere vor schwungvoll ornamentalen Linien, von denen mit Graphit und Copic Marker gezeichnete, orgarnisch anmutende Schlingen hinabhängen. Diese verbinden sich in ihrer Richtung und Struktur mit den Markierungen auf dem Rücken
des Matrosen, so dass der Körper zur ornamentalen Fläche wird und sich aufzulösen droht. Die in den Händen gehaltene Fußfessel wirkt ebenso schemenhaft wie die Zeichnung der voll mit “Menschenmaterial” gefüllten Galeere und löst sich in den herabhängenden Strichen auf. Der weiße Körper des Matrosen und die schwarzen Körper der Sklaven werden somit gleichermaßen “ornamental”, sie gehören zu einem organisch-kolonialen System. Die Brutalität und die Entmenschlichung durch die Galeerentransporte kommen durch die Ornamentwerdung des menschlichen Körpers in der Zeichnung umso deutlicher hervor, als sich die Schlingen um die Fragmente der Galeere und den Matrosenkörper legen
und diese darin aufgehen. Die Verbindung von Ornament und Motiv ist auch ein Schlüssel zu allen weiteren Bildern der Serie. Ob sich die Schlingen in den herunterhängenden
Segeln des Sklaveschiffes in der Zeichnung “Schiff” wiederholen, die Bewegung der Wasseroberfläche mit den sich windenden Bewegungen in “Afrikaner im Boot” verbindet oder die Schlingen - wie in der letzten Zeichnung mit dem Titel “Händler II” – plötzlich nach oben zeigen und so die Figur wie eine Alpenlandschaft umrahmen: immer führt diese Verbindung zu einer bildlichen Verunsicherung und transportiert die prekäre Situation zwischen den “Afrikanern” und ihrer (feindlichen) Umwelt. Ein zusätzlicher Moment der Verunsicherung stellen die überzeichneten Gesichter der “schwarzen Männer” dar. An die Comics von z.B. Herge´s “Tim im Kongo” erinnernd, begegnen uns hier Fratzen wieder, deren sich die Kolonialherren des 19. Jahrhunderts bedienten, um das Stereotyp des dummen, clownhaften, schwarzen “Wilden” heraufzubeschwören. Gerade in der Zeichnung
“Afrikaner im Boot”, die sich auf eine 2006 in der Presse puplizierte Fotografie stützt, wird durch diese doppelte Maskierung der Männergesichter im Boot der kausale Zusammenhang zwischen der Kolonialpolitik des 19. Jahrhunderts und der anhaltenden Flüchtlingsbewegung aus Afrika deutlich.
Die schablonenhaften Gesichter begegnen uns in fast allen von Eisenachers Arbeiten, und sie sind es auch, die die Beziehung zur BetrachterIn bestimmen. Die Vergangenheit holt uns ein: ihr Blick in unsere Richtung wirft uns auf eben dieses koloniale Erbe zurück.

 

 


Auge, 2007
Graphit und Marker auf Papier, 150cm x 195cm


Plan, 2007
Graphit und Marker auf Papier, 150cm x 195cm


Schiff, 2007
Graphit und Marker auf Papier, 150cm x 195cm


Sklave, 2007
Graphit und Marker auf Papier, 150cm x 195cm


Afrikaner im Boot, 2006
Graphit und Marker auf Papier, 150cm x 195cm


Händler I, 2006
Graphit und Marker auf Papier, 150cm x 195cm


Händler II, 2006
Graphit und Marker auf Papier, 150cm x 195cm

 

African Nudes Kolonialakt
Text Judith Gerdsen

Jürgen Eisenachers Serie von 13 Zeichnungen “African Nudes Kolonialakt” zeigt stark entfremdet doch erkennbar farbige, nackte Frauen. Ist Afrika für den Europäer oft eine Metapher für die Ängste vor den eigenen Abgründen, so ist die afrikanische Frau das Sinnbild einer angstbesetzten Sexualität, der Freudschen Idee der Frau als "dunklem Kontinent". Sie steht für ein Begehren als gleichzeitig Sehnsucht nach und Angst
vor dem Fremden und Anderen.
Bei Eisenacher liefert die Kombination aus schwarzem Copicmarker und Graphitstift die ästhetische Umsetzung dieser Ambivalenz. Mit dem Marker umreißt er schnell Konturen, deutet Strukturen an und straffiert Hintergründe. Wichtig wird die Materialität des feuchten Pigments, das sich in das Papier saugt und damit auf dem flachen Papier eine Körperlichkeit andeutet, die dem Medium sonst fremd ist. Mit dem Graphitstift modelliert er die Frauen auf klassische Weise, er setzt Schatten und Höhen, füllt aber auch auf manchen Blättern mit kräftigem Strich den größeren Teil der kleinen Formate. Das tiefe Filzstiftschwarz wird je nach Blickwinkel entweder vom Graphit ergänzt oder von seiner silbrigen Reflektion überlagert. Die Zeichentechnik lässt auf das Verhältnis zum Sujet schließen: Es geht hier nicht um die Aufzeichnung eines Standpunktes, erst recht nicht um die Illustration eines Klischees der wilden afrikanischen Schönheit, sondern um die Annäherung an etwas Fremdes und die in der Vereinnahmung enthaltene Gewalt, die im Untertitel ‚Kolonialakt’ angesprochen wird. Den Anknüpfungspunkt für die Auseinandersetzung lieferten Eisenacher koloniale Postkartenmotive. Während manche Frauen mit dem Gestus der anthropologischen Studie fotografiert wurden, frontal, ernst in die Kamera blickend, zeigen andere eindeutig sexualisierte Posen vor künstlichem blauem Himmel, lächelnd, mit hinter dem Kopf verschränkten Händen, sich mit ekstatischem Himmelsblick in einem Baum räkelnd. Die erstarrten oder überzogenen Posen und krude Koloration lassen die alten Sepiaphotos eher skurill als sexy wirken. Mag manchem Foto tatsächlich ein wissenschaftliches und vielleicht gar wohlmeinendes Interesse zugrunde liegen, so verdeutlicht doch die Klassifizierung als 'African Nudes', dass es nun die Fetischisierung des exotisch Nackten ist, die den Kaufanreiz bietet. Als historisches Dokument legitimiert wird doch ein kolonialistischer Fetischismus vermarktet. Im Gegensatz zu den Kartenmotiven sind Eisenachers Frauenfiguren; manche eher flächig andere plastischer aber alle gesichtslos und schemenhaft. Fragmentierung und Entindividualisierung gelten als ästhetische Symptome einer unterdrückenden Instrumentalisierung von Frauen. Allerdings ist es auch ein wesentlicher Aspekt dieser Symptome, dass sie z.B. durch Kameraperspektiven, Posen und Schminke als natürliche Effekte getarnt werden; etwa so wie auf der Baumpostkarte, die den Oberkörper der Frau gleichzeitig rahmen und vom Unterkörper trennen.
In Eisenachers Adaptionen des Motivs hingegen schiebt sich das Geäst als grafisch abstrahiertes Ornament deutlich in den Vordergrund. Er zerlegt die Komposition in den schwarzen Hintergrund und die flächigen Aussparungen des Baums und der Blätter, von denen die Frauenfigur, grau straffiert unterschieden wird. Wie in einer doppelten Verneinung verdeutlicht Eisenacher durch diese ornamentale Übersteigerung die Entindividualisierung als Grundfunktion des Begehrens, und hebt letzteres gleichzeitig auf. Eisenachers widerborstige Ästhetik fördert die Gewalt zu Tage, die in der Phantasie der sexualisierten Afrikanerin steckt und lebt von den Widersprüchen und dem Reiz des zerlegten Klischees.


African Nudes, 2007
Graphit und Marker auf Papier, 21 cm x 27,5 cm


African Nudes, 2007
Graphit und Marker auf Papier, 21 cm x 27,5 cm


African Nudes, 2007
Graphit und Marker auf Papier, 21 cm x 27,5 cm


African Nudes, 2007
Graphit und Marker auf Papier, 21 cm x 27,5 cm


African Nudes, 2007
Graphit und Marker auf Papier, 21 cm x 27,5 cm


African Nudes, 2007
Graphit und Marker auf Papier, 21 cm x 27,5 cm

 

Gemälde

Bobby, 2006
Acryl auf Leinwand, 150 cm x 180 cm


Kolonialaffe, 2008
Öl auf Leinwand, 90 cm x 130 cm


Kolonialhelm, 2008
Acryl auf Leinwand, 60 cm x 80 cm


Äste, 2008
Öl auf Leinwand, 170 cm x 210 cm


Nummer Drei, 2009
Öl auf Leinwand, 30 cm x 40 cm


Ohne Titel, 2009
Öl auf Leinwand, 40 cm x 40 cm


Prozession, 2009
Öl auf Leinwand, 30 cm x 40 cm


Zimmermädchen, 2009
Öl auf Leinwand, 30 cm x 40 cm


Ohne Titel (Mäuse pissend), 2009
Öl auf Leinwand, 30 cm x 40 cm


Ohne Titel (Mäuse sitzend), 2009
Öl auf Leinwand, 40 cm x 40 cm


Ohne Titel, 2009
Öl auf Leinwand, 120 cm x 80 cm


Ohne Titel, 2008
Öl auf Leinwand, 120 cm x 90 cm


Gespenst, 2008
Öl auf Leinwand, 50 cm x 60 cm

 

 

Curriculum Vitae

1964 geboren in Frankfurt am Main
lebt in Berlin

1986 - 1998 Studium der Kunstgeschichte und Klassischen Archäologie,
J.W. Universität, Ffm
1988 - 1992 Studium der Malerei an der Gerrit Rietveld Akademie Amsterdam, Nl
1992 Abschlussexamen der Gerrit Rietveld Akademie, Fachklasse Malerei

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Ausstellungen (Auswahl)

2009
Galerie Gilla Lörcher, DioRama, Berlin, E

2008
Nationalmuseum Lavafeld, Berlin, G

2007/2008
Galerie into, Berlin, E

2006
Frankfurter Kunstverein, UFO UNO, FFM, G
Ausstellungsraum Gutleut 15, Me myself & I, Ffm, G
Ausstellungsraum Gmür, Schöne Bilder, Berlin, G
Kulturzentrum Alte Feuerwache, Greates Hits, Mannheim, G
Galerie Wildwechsel, Very Disco, Ffm, E
Dominikanerkloster Stadtakademie, Corpus Delicti, Ffm, G
Bushido, Frankfurt am Main, zusammengestellt von Dirk Krecker, Ffm

2005
Kulturzentrum Alte Feuerwache, Affenzeit, Mannheim, E
Ausstellungenraum Glue, Luxus, Berlin, G
Medocom Frankfurt, Landschaften, Ffm, E
Ausstellungsraum Gutleut 15, Me Myself and I, G
Ausstellungsraum Glue 15, Me Myself and I, G
Galerie Konsortium, Düsseldorf,G
Arti Amsterdam, Amsterdam, NL, G
Elsässer und Spreng, Frankfurt am Main, E
Galerie Hobbyshop Lothringerstrasse 25, München, G
Galerie Voigt, Landschaften, Nürnberg, G
Galerie Wildwechsel, Frankfurt am Main, G

2004
Galerie Wildwechsel, Frankfurt am Main, E
Atelier Frankfurt, Das angefasste Tier, G
Atelier Jeanette Petri/Dirk Krecker, Show me your sexy urbanety, Ffm, G
Ateleir Frankfurt, Konterevolution, G
Galerie Voigt, Nürnberg, G

2003
Galerie Voigt, Nürnberg,G; Atelier Frankfurt, sehen hören fühlen, G 2002 Galerie Voigt, Nürnberg, G;

2001
Galerie Voigt, Nürnberg E, Atelier Frankfurt, Smart Home II, G;

2000
Offenbacher Kunstraum,Smart Home I, Offenbach, E;

1999
Galerie Voigt, Nürnberg, G;

1998
Galerie Voigt, Nürnberg, G ;

1997
Atelier Frankfurt, Mensworld, G; Ausstellungsraum kulturelles Buchschlag, Dreieich Buchschlag, E;
Austellungsraum 58, Frankfurt am Main E; Galerie gpunkt, Frankfurt am Main, E;

1996
Galerie Artlaas, Amsterdam, NL, E;

1995
Hessische Landeszentrale für politische Bildung, Wiesbaden, E;
Galerie Artlaas, Amsterdam, NL, E; Galerie Art McCan, Frankfurt am Main, E;

1994
Galerie Artlaas, Amsterdam, NL, E;

1993
Juridicum der J. W. Goethe Universität, Frankfurt am Main, E; Galerie Einbaum, Frankfurt am Main, E;

1992
Gerrit Rietveld Akademie Amsterdam, NL, G; Museumsfest, Frankfurt am Main, G;

1991
Kunsthaus Wiesbaden, Wiesbaden, G; Kunstenaarscentrum Bergen, Bergen,NL,G;

1990
Gerrit Rietveld Akademie Amsterdam, NL, G

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Öffentliche und private Sammlungen

Kunstsammlung Deutsche Bank
Sammlung Michael Loulakis, Frankfurt am Main
Sammlung Peter Reisma, Amsterdam, NL
Sammlung Ulrike Crespo, Wien und Frankfurt am Main

 

Kontakt

Galerie
Galerie Gilla Lörcher
Contemporary Art
Pohlstraße 73
10785 Berlin
www.galerie-loercher.de

Atelier
Schudomastrasse 3
12055 Berlin, Rixdorf
S-Bahn Station Neuköln
Nähe Richardsplatz
Telefon: 01520.1826978

Privat
Jürgen Eisenacher
Schönhauser Allee 43a
10435 Berlin
Telefon: 030.526 897 55

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